Über Qi Gong im Allgemeinen

 

"Der Reifen des Rades

wird gehalten von den Speichen,

aber das Leere zwischen ihnen

ist das Sinnvolle beim Gebrauch.

 

Aus nassem Ton formt man Gefäße,

aber das Leere in ihnen

ermöglicht das Füllen der Krüge.

 

Aus Holz zimmert man Türen und Fenster,

aber das Leere in ihnen

macht das Haus bewohnbar.

 

So ist das Sichtbare zwar von Nutzen,

doch das Wesentliche bleibt unsichtbar."

 

(Lao-Tse)

 

Von Außen betrachtet, passiert beim Qi Gong in den Augen des Beobachters ja eher wenig. Die Übenden scheinen einfach nur dazustehen, verlagern dann und wann mal ihr Gewicht von links nach rechts und bewegen sich mit ruhigen, fließenden Bewegungen. "Drinnen" passiert allerdings deutlich mehr, wie die meisten Qi Gong-Praktizierenden zu berichten wissen. Qi Gong, sinngemäß übersetzt mit: „Pflege der Lebensenergie“ oder auch „Arbeit mit dem Qi“, ist eine der ältesten chinesischen Heilmethoden, um die Lebensenergie des Menschen zu steigern, zum Fließen und in Harmonie mit der Umgebung zu bringen. Ähnlich wie Tai Chi ist das klassische Qi Gong eine Art meditative Heilgymnastik aus China, bei der sich Atmung, Bewegung und Haltung eingebettet in eine entspannte Achtsamkeit miteinander verbinden. Qi Gong ist fester Bestandteil der Traditionell Chinesischen Medizin (TCM), genau wie Akupunktur, Kräuterheilkunde und Tuina. Wer einmal das “Qi Gong-Feeling” erlebt hat, braucht in der Regel keine weiteren Erläuterungen, und steht nicht selten vor der Herausforderung, das Erlebte anderen Personen gar nicht so genau erklären zu können (versuchen Sie mal jemandem zu erklären, wie Ihnen Ihr Kaffee geschmeckt hat).

Bewegungsübungen kombiniert mit Atemübungen und Meditation wurden in China erstmals im 11. Jahrhundert vor Christus erwähnt. Qi Gong wurde in China von jeher in der Medizin, in der Kampfkunst und im Rahmen buddhistischer und taoistischer (Tao = chinesische Philosophie und Religion) Körperübungen praktiziert. Bei allen Bewegungen konzentriert der Übende sich auf eine gleichmäßige, bewusste Atmung, um durch sie Lebensenergie, das Qi, aufzunehmen und mit Hilfe der Vorstellungskraft im Körper über die Energieleitbahnen, die Meridiane, und verschiedene Energiezentren umzuverteilen.

 

Das Herz z.B. stellt eines von mehreren wichtigen Energiezentren (Dantien) des Menschen dar und ist nach traditionell chinesischer Auffassung sogar in der Lage, die Qualität der Gedanken zu beeinflussen. Blut ist ein durch das Herz bewegtes Transportmedium für das Qi und wird selbst als wesentlicher Bestandteil dieser geistigen Essenz gesehen.

 

"Wo die Gedanken sind, da ist die Energie,
wo die Energie ist, da fließt das Blut,
wo das Blut fließt, da ist Gesundung.“


Qi Gong-Übungen umfassen vielfältige Dehnungshaltungen, Zeitlupenbewegungen, Atem- und Vorstellungsübungen. Sie dienen u.a. dazu, den Bewegungsapparat zu stärken und gleichzeitig geschmeidig und beweglich zu machen. Parallel dazu werden die Selbstheilungskräfte angeregt, Atmung, Kreislauf, Nervensystem und Stoffwechsel reguliert und das Immunsystem gestärkt. Auf geistiger Ebene werden u.a. Aufmerksamkeit, Konzentration, Erinnerung, Lernfähigkeit, Gelassenheit und Stressresistenz gefördert. Auf spiritueller Ebene kann man durch das Praktizieren von Qi Gong in den Zustand des „All-Eins-Seins“ gelangen, ein Zustand der Erleuchtung, der mit Worten nicht beschrieben werden kann.


In China gehört Qi Gong zum täglichen Leben: Es dient der Behandlung und Linderung - vor allem aber der Vorbeugung - von Krankheiten, ist Meditation und Philosophie zugleich. Jeder kennt die Bilder von Menschen in China, die zu tausenden morgens in den Parks üben, um sich für den Tag zu stärken. Qi Gong wird dort ganz selbstverständlich an Schulen und Hochschulen in den Pausen betrieben, um die Aufmerksamkeit und geistige Regeneration zu fördern. Zusätzlich übt man Qi Gong in der Kampfkunst (Wushu), im Bereich des Theaters, des Tanzes und des Sports. In chinesischen Kliniken wird Qi Gong z.B. bei schweren chronischen Leiden oder nach Operationen eingesetzt - begleitend zur Behandlung mit Medikamenten und speziellen Diäten. Nebenwirkungen sind übrigens keine bekannt.

 

„Lerne mit dem Körper, nicht mit dem Kopf.“


Und auch in Europa wird Qi Gong immer populärer und ist inzwischen im Gesundheitswesen anerkannt. Von Ärzten und Krankenkassen wird es zur Gesunderhaltung, Regeneration und Leistungssteigerung empfohlen. Die Bundesvereinigung für Gesundheit e. V. hat es als qualitätsgesicherte Entspannungsmethode eingestuft – auch für Kinder und Jugendliche. Denn auf unsere heutzutage fast schon „normale“ Hektik, ständige Reizüberflutung und zunehmende Bewegungsarmut reagieren mittlerweile viele Kinder mit Unruhe, Zerstreutheit, Konzentrationsstörungen bis hin zu Aggressivität. Bei solchen Stressphänomenen kann sich Qi Gong erfahrungsgemäß sehr positiv auswirken. Es kann Erwachsenen wie Kindern helfen, wieder Ruhe und Konzentration zu finden, ihren Körper bewusst wahrzunehmen und ein positives Lebensgefühl für das Hier und Jetzt zu entwickeln.

 
Die vielfältigen Qi Gong-Übungen aus über 1000 unterschiedlichen Stilen und Schulen können grob unterteilt werden, zum Beispiel in:

 

  • äußere Übungen für Skelett, Sehnen, Muskeln und die Haut
  • Körperhaltungsübungen
  • (Meridian-)Dehnungsübungen
  • innere Übungen für körperinnere Abläufe (Blut, Puls, Atmung, Funktionskreise der Organe)
  • reine Atemübungen
  • Übungen mit der Vorstellungskraft
  • spirituelle Übungen und Meditation


Es gibt komplizierte und einfache Bewegungsabläufe, "harte" und "weiche" Übungen zur Kraftentfaltung, schnelle und langsame Bewegungen, Übungen mit großem oder kleinem Kraftaufwand, “lautes” und „stilles“ Qi Gong. Es ist für jeden Geschmack und jede Konstitution etwas dabei. Die Auswahl fällt nicht selten schwer und als Laie weiß man oft nicht, was gerade sinnvoll ist. Es lohnt sich daher in jedem Fall, verschiedene Schulen und Stile einfach auszuprobieren, um herauszufinden, was einem liegt und gut tut. Häufig ändern sich die Bedürfnisse auch im Laufe der Zeit und mit zunehmender Übungspraxis.

 

Jede Qi Gong-Technik ist vielseitig einsetzbar, entscheidend ist, was der Einzelne erreichen will. In diesem Sinne unterscheidet man bei dem vom Grunde her nicht differenzierten Begriff Qi Gong verschiedene Anwendungskonzepte, wie beispielsweise:

 

Medizinisches Qi Gong

Gezielte Aktivierung der Selbstheilungskräfte gegen innere oder äußere Beschwerden.

 

"Schmerz beschreibt in Wahrheit das Aufbrechen von Starre und Verpanzerung,

indem sich im materiellen Dasein eine Eingangspforte öffnet,

so dass die Heilkraft der Liebe einfließen kann."

(Chun Tong Ming)

 

Meditatives (Stilles) oder Spirituelles Qi Gong

Praktizieren buddhistischer oder daoistischer Übungen zur Entwicklung einer klaren, ruhigen Geisteshaltung, inneren Friedens und einer tiefen Selbstbewusstheit, die zu Harmonie mit allem was ist führen kann. Diese Art des Qi Gong wird auch Inneres Qi Gong (Neigong) genannt.

 

Hartes Qi Gong

Zur Verbesserung der körperlichen Fähigkeiten wie Kraft, Ausdauer und Beweglichkeit zwecks Perfektionierung der Angriffs- und Verteidigungstechniken in den chinesischen Kampfkünsten (Wushu, Kung Fu).

 

Für die Entwicklung der Qi Gong-Techniken und –Schulen waren Einflüsse des indischen Yoga und des tibetischen Buddhismus verantwortlich, weshalb diverse Parallelen in den einzelnen Systemen zu entdecken sind.

 

 

"Empty your mind.

Be formless, shapeless.

Be water my friend." 

 

(Li Jun-fan, The Little Dragon)