Was kann modernes Leadership von den Kampfkünsten lernen?

 

 

Kurz gesagt: JEDE MENGE - und damit meine ich nicht nur ‚Fokus‘ & ‚Intention‘.

 

Einige vor Jahren erschienene Bücher bringen nützliche Empfehlungen schon gut rüber, wie z.B. „Samurai Leader“ oder „Shaolin - Du musst nicht kämpfen, um zu siegen“.

 

Daraus folgende Erkenntnisse jedoch nur auf Aspekte wie 'Durchsetzungskraft' oder 'Siegen' zu reduzieren wäre nicht nur todlangweilig, sondern auch ohne jeden Tiefgang.

 

Mein Lehrer sagte mir vor vielen Jahren - als ich noch voll im Leistungs- und Perfektionsgedanken auf dem Weg zu einer eher materiell orientierten Idee von Meisterschaft unterwegs war - den ‚tollen' Satz:

 

"Ach übrigens, da Du so leidenschaftlich Deine Kampftechniken trainierst: Die höchste Stufe der Kampfkunst ist es, nicht mehr zu kämpfen." 

BUFF, das ging ins Mark... Wie einfach kann eine Seifenblase mit einem Satz doch zum Platzen gebracht werden - und flankiert von Unverständnis und latenter Wut beschäftigte mich diese 'Behauptung' einige Jahre, bis es irgendwann "klick" machte und ich die Tiefgründigkeit der Aussage sah.

 

So war es im Laufe meiner Recherche spannend zu entdecken, dass quer durch alle Kampfkunst-Philosophien dieser Welt die wahren Meister einer Disziplin ab einem gewissen Level in ihren Schriften eigentlich nur noch über Mitgefühl, Menschlichkeit, Verständnis. Liebe, verbunden Sein & Rückbesinnung auf die eigene Spiritualität und ähnlichen Themen sprechen. Indische Siddhi-Meister erhalten zum Erreichen Ihrer höchsten Stufe der Vollendung sogar die Aufgabe, alle in den letzten Jahrzehnten erworbene (teils an Wunder grenzende) Fähigkeiten nun wieder über Bord zu werfen und zu vergessen, TATAAAAAA! Vielleicht können Sie sich nach einer jahrzehntelangen härtesten Plackerei deren Gesichter vorstellen… 

Und nun die Brücke zum Leadership

 

Selbstverständlich ist es gut und wichtig, alle möglichen Führungs- und Kommunikationstechniken virtuos zu beherrschen, was ja einen großen Teil meiner Arbeit als Trainer und Coach umfasst. Doch jede Technik bleibt am Ende ‚blutleer‘ und Sinn-los ohne ein adäquates Bewusstsein. So bedeutet wahre Meisterschaft im Thema Leadership nach meiner Überzeugung genau das oben Gesagte: nämlich Mitgefühl, Menschlichkeit, Verständnis, Liebe, Rückbesinnung auf die eigene Spiritualität uvm. Dieses Leadership-Mindset der Zukunft bedarf zielgerichteter innerer Arbeit und kommt nicht von selbst.

 

Gut gemeinte Old School-Leadership-Parolen lauteten ja zum Teil immer noch:

"Sie müssen endlich mal lernen, gegenzuhalten und sich durchzusetzen!"

 

ZZZZZzzzzzzzzzz... - Oh, Verzeihung, ich war kurz eingenickt..! Das ist natürlich keine zukunftsfähige Strategie mehr, mit der Sie Potenzialträger hinterm Ofen vorlocken und für Ihre Ideen begeistern könnten. Heiß begehrte Nachwuchstalente in hochspezialisierten interdisziplinären Teams sind heute ausgestattet mit wachem Verstand, klarem Bewusstsein und gutem Selbstwert. Diese nachrückende Generation äußert hohe Erwartungen an achtsame Führung und reife Führungspersönlichkeiten mit Vorbildcharakter, sowohl aus humanistischer als auch aus spiritueller Sicht (und zwar weit über das Buzzword 'Purpose' hinaus). Bedeutet übrigens eine Steilvorlage für die sogenannte Transformationale Führung, die ich verflochten mit dem Prinzip der situativen Führung als derzeit modernsten Leadership-Stil ansehe.

 

Leadership-Sozialisation im Old School-Style

 

Viele von uns haben auf ihrem beruflichen Karriereweg Kommunikationstechniken gelernt und teils jahrzehntelang im Alltag trainiert, die zum Ziel hatten, sich erfolgreich durchsetzen und 'zu gewinnen' - häufig gespeist aus formaler Macht einer Führungsposition. Doch 'Gewinnen & Durchsetzen' nutzt leider oft die verletzende Gewalt von Worten, die im Prozess des Durchholens von Ergebnissen bloßstellen, demütigen und klein machen können. Was sich also viele von uns unbewusst (ursprünglich ja ohne schlechte Absicht) antrainiert haben, ist trennend zu kommunizieren, das beherrschen wir aus dem Effeff. Denn jedes Gewinnen kreiert automatisch einen Verlierer und damit einen manchmal unüberbrückbaren emotionalen Graben, der in der Folge beim Gegenüber Widerstand, Demotivation und Desinteresse produziert. Echtes Commitment wird so verhindert.

 

Die Anwendung der Gewaltfreien Kommunikation nach Rosenberg (GfK), die heutige Feedback-Formate teils beinhalten, ist ein guter erster Schritt in die richtige Richtung. Meiner Beobachtung nach werden diese Techniken jedoch meist recht mechanisch angewendet, wodurch einiges der möglichen Wirkung verpufft.

 

Die Zukunft der Führungskommunikation

 

In den Kampfkünsten ist es nun so, dass wahre Meister durch eine mitfühlende und friedvolle Ausstrahlung, die gleichzeitig durchdrungen ist von messerscharfer Klarheit, dafür sorgen, dass Konflikte oder Aggressionen möglichst gar nicht erst entstehen. Das hört sich theoretisch simpel an, darin steckt jedoch ebenso jahrzehntelanges Training.

 

Ein Kampfkunst-Meister (gleichzeitig Meister verbindender Kommunikation) wird sein Augenmerk zunächst darauf richten, sein Gegenüber mit allen Sinnen zu lesen - und zwar durch achtsames Zuhören, Hinsehen und Hineinfühlen unter Hinzuziehung der eigenen Intuition. Es geht hierbei um eine Grundhaltung, die ehrliches Interesse vermittelt, die Welt des anderen wirklich verstehen zu wollen. Dadurch wird schnell klar, welche Worte, Handlungen oder auch Nicht-Handlungen eine emotional aufgeladene Situation mit hoher Wahrscheinlichkeit heilen können, um so in eine liebevoll mitfühlende Verbindung von Mensch zu Mensch zu kommen - der es gleichzeitig nicht an Klarheit mangelt.

Diese Präsenz wirkt ‚entwaffnend‘, deeskalierend, beruhigend und Zuversicht vermittelnd. Die genannte 'messerscharfe Klarheit' hat spürbar nicht das Ziel zu verletzen, sondern Lösungswege freizulegen, die beiden Parteien gleichermaßen dienlich sind. In diesem Geiste werden eventuell destruktive Interventionen des Gegenübers aufgenommen, spielerisch und gleichzeitig zielgerichtet umgelenkt und dabei transformiert in eine verbindende und lösungsorientierte ‚Antwort‘, die auf konstruktive Weise in den Austausch zurückgegeben wird.

 

So wird es im japanischen Aikido und im chinesischen Kung Fu und Tai Chi seit Jahrhunderten erfolgreich praktiziert. Vergleichbare Techniken finden sich im sogenannten 'Argumentations-Aikido' wieder - sind also bereits im Führungskräftetraining angekommen.

 

Meisterschaft der Worte & Menschenführung

 

Der Weg in diese Meisterschaft führt über eine angstfreie Herzöffnung und Rückbesinnung auf unsere Menschlichkeit. Und die erreichen wir unter anderem durch regelmäßige Selbstreflexion, Glaubenssatzarbeit, liebevolle Selbstfürsorge, Gedankenhygiene und Meditation. Die Konsultation eines auf diesem Weg erfahrenen Coaches wird notwendige Schritte deutlich erleichtern.

 

In einer Organisation bedarf es des hierarchieübergreifenden Commitments zur Etablierung dieses Mindsets, welches dann ausnahmslos Top-down zu leben ist. Wie Sie sich leicht vorstellen können, bewirkt das eine spannende, tiefgreifende Transformation, die sich für alle Beteiligten jedoch schnell - auch wirtschaftlich - auszahlt.

 

"Achtsamkeit ist der Schlüssel"